Interview mit Melissa Köhler und Dr. Albrecht Franz
Die doppelte Transformation der Baubranche
Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Innovation – Schlagworte, die in der Baubranche allgegenwärtig sind. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft noch immer eine Lücke. Wie lassen sich beide Transformationen – die digitale und die nachhaltige – gerade in mittelständischen Unternehmen erfolgreich verankern? Welche Rolle spielen dabei Künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle und gezielte Weiterbildungen? Dr. Albrecht Franz und Melissa Köhler vom Fraunhofer IRB geben in diesem Interview konkrete Antworten: Ein Gespräch über die Herausforderungen und Chancen einer Branche im Wandel.
Wo sehen Sie aktuell die größten Hebel für die digitale und nachhaltige Transformation der Bauwirtschaft - insbesondere im Hinblick auf mittelständische Unternehmen?
Melissa Köhler: An dieser Frage haben wir im vergangenen Jahr intensiv gearbeitet und sie auch mit einem Gremium aus Expertinnen und Experten diskutiert. Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind die Treiber der Transformation – wo sich beide Themen verschränken, ist dementsprechend die Wirkung besonders groß. Digital und nachhaltig zu transformieren bedeutet jedoch für Betriebe eine Investition in die Zukunft, die sich nicht sofort im nächsten Projektcontrolling niederschlägt und dennoch finanziell tragbar bleiben muss. Das heißt: Es braucht Hebel, bei denen auch mittelständische Unternehmen trotz höherer Anfangsinvestitionen mitziehen. Wir haben daher gezielt gefragt, bei welchen Technologien oder Innovationen Akteure der Bauwirtschaft den höchsten Return on Investment sehen - sowohl im Hinblick auf Digitalisierung als auch Nachhaltigkeit. Das Ergebnis war trotz sonst oft unterschiedlicher Einschätzungen eindeutig: die digital unterstützte Bestandserfassung und die KI-gestützte Beurteilung des Gebäudebestands, vom Einfamilienhaus bis zur Quartiersebene. Hier sind Effizienzgewinne im Planungs- und Sanierungsprozess schnell spürbar - etwa durch Zeitersparnis, geringere Fehlplanungen und präzisere Kostenschätzungen bei geringerem Risiko. Gleichzeitig bilden die gewonnenen Daten die Grundlage für nachhaltigere Entscheidungen, weil sie gezielte Sanierungen und eine bessere Ressourcennutzung ermöglichen und zu einer messbaren CO₂-Reduktion führen. Fortschritte in diesem Bereich treiben die Digitalisierung der Branche insgesamt voran und ermöglichen eine schnellere, risikoärmere Bestandssanierung mit messbarer CO₂-Wirkung. Leider ist die Branche in Deutschland hier noch nicht so weit, wie sie sein könnte.
Welche konkreten Best-Practice-Beispiele aus dem Transformationsforum Bau 2025 zeigen bereits erfolgreiche Synergien zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit?
Albrecht Franz: Ein gutes Beispiel ist die ERNE AG Holzbau, ein mittelständisches Unternehmen aus Stein in der Schweiz mit hoher Innovationskraft. Thomas Wehrle hat in seinem Vortrag auf dem Transformationsforum eindrucksvoll gezeigt, wie der Weg in die digitale Fertigung gelingen kann und was er ermöglicht. Z. B. den Einsatz von Robotik: Von der Vorfertigung von Fassadenelementen bis hin zur Fertigung von Stampflehmwänden durch Roboter. So kann das Bauen mit nachhaltigen Materialien wie Holz und Lehm durchaus wirtschaftlich rentabel betrieben werden – durch die konsequente Umsetzung digitaler Transformationsprozesse.
Wie bewerten Sie den digitalen Reifegrad der Bauunternehmen in Deutschland hat sich seit der letzten Erhebung spürbar etwas verändert?
Melissa Köhler: Der digitale Reifegrad ist ein kniffliges Thema. Unsere aber auch andere Studien beobachten eine deutliche Schere zwischen der Selbsteinschätzung einzelner Unternehmen und der Einschätzung der Gesamtbranche. Die meisten sehen ihr eigenes Unternehmen deutlich weiter als die Branche insgesamt. Der Blick von außen fällt dagegen oft kritischer aus.
Seit unserer letzten Erhebung 2023 hat unter anderem Drees & Sommer dieses Jahr neue Daten vorgelegt und kommt zu dem Schluss, dass aktuell eher Stagnation herrscht. Gleichzeitig sehen wir in unserem Fraunhofer-Umfeld - etwa über das S-TEC Zentrum für industrialisiertes Bauen und Sanieren – aktuell eine enorm hohe Nachfrage zu Projekten im Bereich Digitalisierung und KI. Mein Eindruck ist: Seit KI eine gewisse Breite erreicht hat, kommt wieder Bewegung in die Branche.
Welche Potenziale bietet Künstliche Intelligenz für die Baupraxis - etwa bei der CO₂-Bilanzierung, Materialoptimierung oder Prozessautomatisierung?
Albrecht Franz: Da kann ich mich Frau Köhler nur anschließen: Das Thema KI verleiht aktuell der Digitalisierung in der Baubranche noch einmal gewaltigen Schwung. Denn KI birgt ein riesiges Effizienz-Potential: Von der Recherche und Auswertung passender Ausschreibungen über Unterstützung bei Planung und Baumanagement bis hin zur (teil-) automatisierte Qualitätssicherung oder zur optimierten Betonrezeptur. Hier gibt es auch schon einige Lösungen am Markt und noch viel mehr gute Ideen in den Unternehmen, denen wir mit unseren KI-Sprints und KI-Zukunftswerkstätten ins Leben helfen wollen. Dieses Potential von KI kann aber nur nutzen, wer auf entsprechende Daten bzw. digitale Prozesse zurückgreifen kann. Am Ende entsteht dann idealerweise die CO₂-Bilanz automatisch auf der Basis des BIM-Modells. Voraussetzung dafür ist aber, dass alle nötigen Daten in der entsprechenden Form digital zur Verfügung stehen müssen – und daran hapert es in der Praxis aktuell oft noch.
Welche »Green Skills« sind aus Ihrer Sicht entscheidend für die Zukunft der Bauwirtschaft - und wie können Unternehmen diese systematisch fördern?
Melissa Köhler: Wir haben vor rund zwei Jahren ein Projekt zu Nachhaltigkeitskompetenzen in der Baubranche gestartet. Wichtig ist: Es gibt keine allgemeingültige Liste an »Top Green Skills«, die für alle Unternehmen passt. Jedes Unternehmen muss sich fragen, wo es hinwill – und welche Kompetenzen dafür nötig sind.
Eines unserer zentralen Projektergebnisse ist der »Green Skills Kompass«, ein Instrument, mit dem Unternehmen diese Fragen systematisch erörtern können. Er unterscheidet zwischen fachlich-technischen »grünen« Kompetenzen und überfachlichen Querschnittskompetenzen bzw. Soft Skills. Denn nur die Kombination aus beidem ermöglicht es, Nachhaltigkeit wirksam zu verankern und zum Bestandteil der Wertschöpfung zu machen.
Zu den überfachlichen Kompetenzen zählen etwa der Umgang mit Zielkonflikten, Werthaltung sowie Lern- und Veränderungsbereitschaft. Fachlich sind Themen wie Wissen über nachhaltige Baustoffe, soziale Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen zentral. Hinzu kommen Kompetenzen rund um regenerative Energieversorgung, CO₂-Bilanzierung in der Lieferkette (Scope 3) und Kreislaufwirtschaft. Besonders beim Urban Mining gibt es noch erheblichen Wissensbedarf – etwa zu Wiederverwendungsmöglichkeiten von Bauteilen wie Stahlträgern oder Betonelementen. Fachplanende wie Zirkular aus Basel leisten hier mit öffentlich zugänglichem Wissen einen wichtigen Beitrag.
Welche strukturellen Hemmnisse behindern aktuell die doppelte Transformation - und welche Lösungsansätze sehen Sie?
Albrecht Franz: Eine Schwierigkeit ist sicherlich die sehr kleinteilige Struktur der Baubranche. Budgets für Investitionen sind begrenzt, oft ist man darauf angewiesen, dass auch die am Projekt beteiligten Partner mitziehen. Dazu kommen Regulierungen wie der EU AI-Act, der Unternehmen, die jetzt KI für die Optimierung ihrer Prozesse und Produktion einsetzen wollen, wieder neue Pflichten auferlegt. Aber bevor wir an der Stelle auf die üblichen »Verdächtigen« zu sprechen kommen, möchte ich die Perspektive etwas drehen. Denn mir begegnen so viele Fälle wo es vorangeht, wo tolle Ideen und gute Lösungen entstehen oder schon entstanden sind. Wenn gerade kleinere und mittlere Unternehmen, die die Baubranche prägen, Unterstützung erfahren, dann bewegt sich auch etwas. Das erleben wir aktuell mit dem S-TEC Zentrum für industrialisiertes Bauen und Sanieren in Baden-Württemberg und ich hoffe sehr, dass auch das Bundesforschungszentrum Bau hier weitere Impulse setzen wird, das Know How aus Wissenschaft und Forschung in die Praxis zu bringen.
Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die Baubranche den Wendepunkt der Transformation tatsächlich erreicht?
Melissa Köhler: Wir sehen in der Branche sehr unterschiedliche Transformationsdynamiken. Einige Unternehmen befinden sich bereits mitten im Wandel, andere rechnen erst in den kommenden Jahren mit spürbaren Veränderungen. Aus unserer letzten Studie leiten sich vier zentrale Handlungsempfehlungen ab, um voranzukommen: Erstens sollten organisationale Ressourcen für die doppelte Transformation – also Digitalisierung und Nachhaltigkeit – gezielt aufgebaut werden. Zweitens gilt es, den Innovationsgeist in der Breite der Branche zu fördern. Drittens braucht es, um die neuen Technologien sinnvoll nutzen zu können, eine konsequentere Grundlagenarbeit im Bereich Digitalisierung. Und viertens sollten Nachhaltigkeitsverständnis und -kompetenzen weiter ausgebaut werden.
Ganz grundsätzlich ist uns wichtig zu betonen, dass Transformation nichts ist, was Unternehmen einfach überrollt. Sie kann und sollte aktiv gestaltet werden. Das setzt Offenheit für und Investitionen in Innovationen voraus - auch und gerade in kleineren, ausführenden Mittelständlern, Planungs- und Architekturbüros. Es wäre riskant, die Verantwortung für die anstehenden Veränderungen allein bei den großen Unternehmen oder Baustoffherstellern zu sehen. Natürlich sieht der Mittelstand sich aktuell mit zahlreichen gesetzlichen und strukturellen Herausforderungen konfrontiert. Dennoch zeigen unsere Gespräche mit engagierten Unternehmer:innen, dass Innovation und Veränderung vielerorts möglich sind. Und aus der Innovationsforschung wissen wir: als lästig wahrgenommene Begrenzungen und Regeln sind nicht zwingend Innovationsbremsen, sondern oft auch notwendige Voraussetzungen für kreative Lösungen und Wandel. Transformation gelingt, wenn sich Rahmenbedingungen mit verändern und gleichzeitig ein breiter Innovationsgeist aus der Branche selbst entsteht - genau diesen Blick wünschen wir uns stärker in den aktuellen Debatten.
Wie optimistisch sind Sie, dass dies gelingt?
Ich bin – sagen wir – hoffnungsvoll optimistisch. Aus organisationswissenschaftlicher Perspektive ist die Baubranche aufgrund ihrer Struktur eigentlich besonders wandlungsfähig. Denken wir nur daran, wie schwer sich die Großkonzerne der Automobilindustrie mit der Elektrifizierung tun und wie träge ihre komplexen Strukturen auf tiefgreifende Veränderungen reagieren. Die meisten Betriebe in der Bauwirtschaft sind klein oder mittelständisch, viele davon familiengeführt – das ermöglicht schnelle, pragmatische Entscheidungen und eine hohe Anpassungsfähigkeit. In den kommenden Jahren steht zudem in vielen Betrieben ein Generationswechsel an. Wenn es gelingt, diese Übergaben gut zu gestalten, liegt auch darin ein enormer Hebel für Veränderung. Das heißt: Auch wenn die aktuelle Transformationsdynamik noch nicht besonders stark ist, ist die Transformationsfähigkeit der Branche sehr hoch. Und das ist ein gutes Zeichen!
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