Interview mit Volker Schweizer
Bauen im Wandel
Die Bauwirtschaft steht unter massivem Veränderungsdruck. Klimawandel, Fachkräftemangel und technologische Umbrüche zwingen die Branche zum Umdenken. Die Studie »Bauen im Wandel« des Fraunhofer IRB nimmt diese Herausforderungen für Baden-Württemberg in den Blick und zeigt, wo die größten Chancen für eine zukunftsfähige Bauwirtschaft liegen. Im Kurzinterview ordnet Volker Schweizer die zentralen Ergebnisse ein und erläutert, was jetzt entscheidend ist.
Die Studie definiert »Zukunftsfelder«. Was versteht man unter dem Begriff und wie unterscheiden sich diese von allgemeinen Branchentrends?
Die von uns identifizierten Zukunftsfelder sind Bereiche, in denen sich besondere Chancen für Wachstum bei regionalen Unternehmen in Baden-Württemberg ergeben. Sie haben das Potenzial die lokale Wertschöpfung zu stärken sowie Innovationen in der Bauwirtschaft voranzutreiben. Branchentrends sind dagegen allgemeine, in der Branche vorherrschende Tendenzen, die nicht unbedingt dasselbe hohe wirtschaftliche Entwicklungspotenzial besitzen.
Die Studie zeigt standortspezifisch für Baden-Württemberg konkret die Felder und Entwicklungspfade auf, in denen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft ihre Ressourcen fokussiert einsetzen sollten. Denn hier liegen die größten Hebel für eine erfolgreiche Bauwende im Land und die gezielte Weiterentwicklung der Bauwirtschaft zu einer zukunftsfähigen Schlüsselbranche.
Kurz gesagt: Das Ziel der Studie war es, den Blick von »alles ist wichtig« auf »hier müssen wir wirklich handeln« zu lenken.
Wie wurden die Zukunftsfelder für Baden-Württemberg ermittelt?
Um die Zukunftsfelder zu ermitteln, war ein mehrstufiges Vorgehen notwendig: Der erste Schritt war eine detaillierte Bestandsaufnahme des baden-württembergischen Bauökosystems. Dafür haben wir die Akteurslandschaft, die Leistungsfähigkeit und die Stärken und Schwächen identifiziert. Danach erfolgte ein Abgleich dieser Ergebnisse mit grundlegenden Herausforderungen der Transformation im Baubereich, wie Klimaneutralität, Digitalisierung, Fachkräftemangel und Produktivitätsdruck.
Auf Basis dieses »Big Picture« haben wir mit klarem Fokus auf Baden-Württemberg den Blick in die Zukunft gerichtet und Bereiche herausgearbeitet, die nicht nur allgemein als wichtig eingeordnet werden, sondern auch ökonomischen Erfolg versprechen.
Ein zentraler Baustein der Studie war ein Workshop mit zwölf Expertinnen und Experten aus Bauwirtschaft und Bauforschung, deren Einschätzung uns die Schärfung und die kritische Reflexion der Zukunftsfelder ermöglichte. Im Workshop wurden die theoretisch abgeleiteten Zukunftsfelder auf ihre Praxisrelevanz überprüft und hinsichtlich ihrer ökonomischen Potenziale bewertet.
Welche Zukunftsfelder hat die Studie konkret identifiziert?
Die Studie identifiziert vier Zukunftsfelder als strategische Landkarte für die baden-württembergischen Bauwirtschaft:
- Bauen im Bestand: Eröffnet wesentliche Potenziale zur Erreichung klimapolitischer, wirtschaftlicher und städtebaulicher Ziele.
- Zirkuläres Bauen: Paradigmenwechsel hin zu einer Wirtschaft, in der Gebäude als wertvolle Materiallager verstanden werden.
- Digitalisierung: Die digitale Transformation ist der entscheidende Hebel für die Zukunftsfähigkeit der Bauwirtschaft.
- Industrialisiertes Bauen: Skalierbare Antwort auf Wohnraummangel, Baukosten, Fachkräftemangel.
Wie hängen die vier Zukunftsfelder strategisch zusammen – können sie einzeln erfolgreich umgesetzt werden?
Die Zukunftsfelder koppeln zwar bewährte Stärken des Landes gezielt mit den Herausforderungen der Transformation, der Erfolg entsteht aber nicht durch Fokus auf ein einzelnes Zukunftsfeld, sondern durch einen ganzheitlichen Ansatz für Baden-Württemberg. Die vier Zukunftsfelder entfalten ihre Wirkung nur im Zusammenspiel:
Digitalisierung als Ermöglicher, industrialisiertes Bauen als Umsetzungsansatz und Zirkularität als übergeordnetes Prinzip, müssen, insbesondere beim Bauen im Bestand, als integrierte Strategie wirken, um das Ökosystem Bau zukunftssicher zu gestalten.
Gibt es konkrete Handlungsempfehlungen für Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die sich aus der Studie ableiten lassen?
Ja! Zentral ist die strategische Bündelung und Koordination bestehender Initiativen und Netzwerke, um Effizienzen zu steigern und eine einheitliche Transformationsagenda umzusetzen. Ergänzt werden muss das durch einen praxisnahen Forschungstransfer, der die Lücke zwischen Spitzenforschung und breiter Unternehmenspraxis schließt – mit Fokus auf niedrigschwellige, anwendungsorientierte Formate, die vor allem KMU bei der Einführung neuer Technologien unterstützen.
Eine Qualifizierungsoffensive adressiert den Fachkräftemangel gezielt, indem sie Kompetenzen für die vier Zukunftsfelder aufbaut, insbesondere in Digitalisierung, Innovations- und Zirkularitätsfähigkeiten. Schließlich fordert die Studie den Ausbau innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen: Reallabore und Experimentierklauseln schaffen rechtssichere Piloträume für skalierbare Standards, ergänzt durch eine beschleunigte digitale Baugenehmigung.
Die Landespolitik sollte hier als Rahmengeber und Förderer agieren. Der strategische Hebel liegt in der konsequenten Kombination der aufgeführten Empfehlungen.
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