Warum ESG für Unternehmen heute unverzichtbar ist
Zwischen Verantwortung und Wettbewerbsfähigkeit
Die Anforderungen an Unternehmen steigen: Kunden, Investoren und Mitarbeitende erwarten Transparenz, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung. Zugleich verdichten sich regulatorische Vorgaben, etwa durch die EU-Taxonomie oder die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Doch wie lassen sich diese komplexen Anforderungen in der Praxis umsetzen – und dabei nicht als Belastung, sondern als strategische Chancebegreifen?
Experteninterview von Lissy Groh mit Barbara Klobucaric, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IRB, Team Organizational Empowerment
Barbara Klobucaric ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IRB. Dort arbeitet sie an praxisnahen Lösungen, wie Unternehmen ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig, gesellschaftlichverantwortungsvoll und im Einklang mit planetaren Grenzen gestalten können. Mit ihrem gesellschaftswissenschaftlichen Hintergrund bringt sie eine systemische Perspektive auf Nachhaltigkeit ein – immer mit Blick auf konkrete Wirkung.
1. Frage: Worum geht es bei ESG und welche Relevanz hat das Thema?
Der Begriff ESG (Environmental, Social, Governance) wurde 2004 durch die UN-Initiative Who Cares Wins geprägt – mit dem Ziel, Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren systematisch in Investitionsentscheidungen einzubeziehen, um Risiken besser zu bewerten und zu minimieren. Diese Idee hat seither weitreichende Wirkung entfaltet. Ein Beispiel ist die EU-Taxonomie, die Kapitalströme gezielt in ökologisch nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten lenken soll.
Parallel dazu haben sich ESG-Ratings etabliert, die Nachhaltigkeitsleistungen auf Basis internationaler Standards vergleichbar machen. In vielen Branchen entscheiden solche Ratings heute über Marktzugang, Finanzierung oder Lieferantenauswahl. Ein gutes ESG-Rating öffnet Türen – ein schlechtes verschließt sie.
Doch ESG ist längst mehr als ein reines Analyseinstrument. Es hat sich zu einem strategischen Steuerungsrahmen für Unternehmen entwickelt. In dem Impacts, Risiken und Chancen (IROs) in den wesentlichen ESG-Themen systematisch identifiziert werden, entsteht eine belastbare Grundlage, um Strategien, Geschäftsmodelle und operative Prozesse zukunftsfähig auszurichten.
»Nachhaltigkeit wird so nicht nur zur Pflicht, sondern zur Quelle von Innovation und unternehmerischem Vorteil.« Barbara Klobucaric
Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten, transparenten Lieferketten und resilienten Organisationen wächst – bei Kundinnen und Kunden, Investorinnen und Investoren, Mitarbeitenden sowie öffentlichen Auftraggebern.
Regulierung als Treiber: CSRD und ESRS
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) in Verbindung mit den European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Sie verpflichten große Unternehmen, ihre IROs zu ermitteln und Nachhaltigkeit strukturell in Geschäftsstrategie, Geschäftsmodell und Unternehmensführung zu verankern. Zum ersten Mal wird ESG damit gleichrangig mit der finanziellen Berichterstattung verankert – und zu einem festen Bestandteil unternehmerischer Steuerung. ESG-Berichte sind kein Selbstzweck:
»Es geht nicht darum, Daten nur um der Dokumentation willen zu erheben, sondern darum, fundierte Entscheidungen zu ermöglichen – auf Unternehmensseite ebenso wie auf Seiten von Stakeholdern.« Barbara Klobucaric
Herausforderungen und Chancen – Zeit für echten Wandel
Zwar hat die Omnibus-Verordnung der EU die Fristen für die Berichte verschoben und Anforderungen angepasst, doch das darf nicht zu einem Rückschritt führen. Im Gegenteil: Die gewonnene Zeit sollte genutzt werden, um wirkungsorientierte Nachhaltigkeitsstrukturen aufzubauen – nicht nur als Reaktion auf Berichtspflichten, sondern als aktiver Schritt in Richtung Zukunftssicherung. Unternehmen, die abwarten oder das Thema aufschieben, gefährden ihre eigene Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.
ESG betrifft auch KMU
Das betrifft nicht nur große Konzerne. Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) profitieren davon, ihr Geschäftsmodell zukunftsfähig und resilient aufzustellen. Viele stehen heute bereits im Fokus – sei es durch ESG-Anforderungen in Lieferketten, bei der Finanzierung oder durch wachsende Erwartungen von Kundinnen und Kunden, Mitarbeitenden und Geschäftspartnern. Der VSME-Standard (Voluntary Sustainability Reporting Standard for SMEs) bietet KMU eine praxistaugliche Möglichkeit, ESG-Themen strukturiert zu erfassen, verständlich zu kommunizieren und aktiv für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen – ohne Überforderung, aber mit klarem Mehrwert.
Mehr als Regelkonformität – Verantwortung übernehmen
Unternehmen, die ESG konsequent in ihre strategische Ausrichtung integrieren, erreichen mehr als bloße Regelkonformität. Sie schaffen Zukunftssicherheit, stärken Vertrauen, bauen Resilienz auf – und übernehmen Verantwortung in einer zunehmend komplexen Welt.
»Bei aller regulatorischen Dynamik sollte der Zweck nachhaltigen Wirtschaftens im Zentrum stehen: Einhaltung planetarer Grenzen, Achtung der Menschenrechte und Gestaltung einer Wirtschaft, die auch kommenden Generationen Perspektiven bietet.« Barbara Klobucaric
Globale Herausforderungen erfordern systemisches Denken
Mehrere planetare Belastungsgrenzen – etwa in den Bereichen Klimawandel, Biodiversität, Stickstoff- und Phosphorkreisläufe oder Landnutzung – sind laut dem Stockholm Resilience Centre bereits überschritten. Das gefährdet die Stabilität ökologischer Systeme, von denen alles Wirtschaften letztlich abhängt. Gleichzeitig nehmen soziale Spannungen, Rohstoffkonflikte und Menschenrechtsverletzungen global zu – Phänomene, die sich direkt auf Lieferketten, Absatzmärkte und Standortbedingungen auswirken.
Vom Business as usual zum echten Wandel
ESG-Ratings und Berichte allein lösen diese Probleme nicht. Dafür braucht es einengrundlegenden kulturellen Wandel: Weg vom Business as usual, das sich auf Effizienzsteigerungen und symbolische Maßnahmen verlässt, hin zu echtem Wandel, verankert in Strategie, Führung und täglicher Praxis. Immer mehr gewinnen dabei Prinzipien wie Genügsamkeit, Suffizienz und Bedürfnisorientierung an Bedeutung.
»ESG-Daten und Transparenz sind wichtig – aber nur dann sinnvoll, wenn sie zu wirksamen Veränderungen führen.« Barbara Klobucaric
Die Relevanz von ESG zeigt sich besonders darin, dass viele Themen und Unterthemen im ESRS verdeutlichen: Nachhaltigkeit muss systemisch gedacht werden. Dabei gilt es, Zielkonflikte bewusst mitzudenken und aktiv zu steuern. Die Bedeutung von ESG wird weiter steigen – nicht nur wegen regulatorischer Anforderungen,sondern vor allem wegen globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit, sozialer Ungleichheit und geopolitischer Spannungen. Wer ESG lediglich als Pflichterfüllung betrachtet, verpasst die Chance, sich strategisch neu zu positionierenund gesellschaftlich relevant zu bleiben.
2. Frage: Was sind typische, aktuelle Herausforderungen für Unternehmen, wenn sie ESG-Kriterien in ihre Prozesse integrieren wollen?
Neben regulatorischen Unsicherheiten – etwa im Zuge aktueller Entwicklungen wie der Omnibus-Verordnung oder der oft schwer durchschaubaren Wechselwirkungen zwischen verschiedenen EU-Vorgaben – zeigt sich in unseren Gesprächen mit Unternehmen häufig ein zentrales Problem:
»Es fehlt an Lösungen, die wirklich wirksam, praxistauglich und langfristig sinnvoll sind – für Umwelt, Gesellschaft und das Unternehmen selbst.« Barbara Klobucaric
Das führt häufig zu Frustration. Denn nicht selten werden Maßnahmen umgesetzt, die gut gemeint sind oder externen Erwartungen genügen sollen, deren tatsächliche Wirkung jedoch fraglich bleibt. Besonders dann, wenn sie Ressourcen binden, ohne einen klar erkennbaren ökologischen, sozialen oder unternehmerischen Mehrwert zu schaffen.
Viele handeln aus dem Bauch heraus. Besonders dann, wenn sie Ressourcen binden, ohne einen klar erkennbaren ökologischen, sozialen oder unternehmerischen Mehrwert zuschaffen. Zwar heißt es oft, Nachhaltigkeit lohne sich, das habe ich vorhin auch betont – doch was heißt das konkret? Unter welchen Bedingungen? Und wie lässt sich dieser Nutzen nachvollziehbar messen? Viele Unternehmen – vor allem im Mittelstand – stehen vor der Herausforderung, zwischen kurzfristigen Trends und tatsächlich wirksamen Ansätzen zu unterscheiden. Oder aber es fehlt an der Orientierung, wie innovative Ansätze mit den vorhandenen Ressourcen, Kapazitäten und Strukturen im eigenen Betrieb realistisch umgesetzt werden können. Der Zugang zu praxiserprobten Methoden, Best Practices oder strategischer Unterstützung ist oft begrenzt.
3. Frage: Wie unterstützen Du und dein Team Unternehmen dabei, diese Herausforderungen im ESG-Bereich zu lösen?
Mit dem EarthValuator haben wir ein Tool entwickelt, das Unternehmen dabei unterstützt, ihre ESG-Aktivitäten systematisch zu analysieren, strategisch weiterzuentwickeln und operativ wirksam zu gestalten. Es handelt sich um einen umfassenden, strukturierten Maßnahmenkatalog, der alle relevanten ESG-Themen und -Unterthemen abdeckt – orientiert an den European Sustainability Reporting Standards (ESRS), die besonders ganzheitlich darstellen,was Nachhaltigkeit heute bedeutet.
Die im EarthValuator enthaltenen Maßnahmen basieren auf Erkenntnissen aus Fachdiskursen, Praxisstudien und regulatorischen Anforderungen. Sie wurden unterschiedlichen Unternehmensbereichen zugeordnet – von der Beschaffung über HR bis zur Geschäftsführung. Denn echte Integration bedeutet, dass Entscheidungen auf allen Ebenen – vom Vorstand bis in die operativen Prozesse – im Einklang mit ESG-Prinzipien getroffen werden. Auf diese Weise wird nicht nur regulatorische Konformität gewährleistet, sondern auch die Fähigkeit gestärkt, auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet zu sein.
»Der EarthValuator lädt Unternehmen dazu ein, ihre bisherigen Praktiken zu reflektieren und neue Ansätze zu entdecken.« Barbara Klobucaric
Gleichzeitig bietet er Orientierung und Struktur, um gezielt Maßnahmen auszuwählen, die zu den eigenen Zielen, Ressourcen und Kapazitäten passen. Bestehende Aktivitäten in wesentlichen ESG-Themen werden sichtbar gemacht, neue Handlungsfelder identifiziert und dokumentiert – eine solide Grundlage für Nachhaltigkeitsberichterstattung und strategische Weiterentwicklung entsteht. So wird ESG zu einem integralen Bestandteil unternehmerischer Steuerung.
Im weiteren Prozess entwickeln wir gemeinsam mit den Unternehmen konkrete Fragestellungen zur Umsetzung: Welche Maßnahmen lassen sich unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich realisieren? Wo bestehen Zielkonflikte? Welche Lösungen sind sowohl ökologisch und sozial sinnvoll als auch wirtschaftlich tragfähig?
Diese Fragen münden in eine evidenzbasierte Analyse, die wir verständlich aufbereiten und mit konkreten Empfehlungen für strategische und operative Entscheidungen verknüpfen.
Unser Ziel ist es, Komplexität zu reduzieren, Barrieren abzubauen und Wissen so aufzubereiten, dass es Unternehmen in wirksames Handeln übersetzen können.
»Der EarthValuator ist dabei kein starres Tool, sondern ein Impulsgeber für einen Wandel, derökologische und soziale Verantwortung mit betrieblicher Realität verbindet. Nachhaltigkeit wird so nicht zur Belastung, sondern zur Chance – um resilienter, zukunftsfähiger und relevanter zu werden.« Barbara Klobucaric
Key Takeaways und Empfehlungen:
- ESG ist mehr als ein Reporting-Tool: Es geht um strategische Zukunftssicherung, unternehmerische Resilienz und gesellschaftliche Verantwortung.
- Regulatorik als Chance begreifen: Nutzen Sie die Zeit bis zur Berichtspflicht (z. B. CSRD/ESRS), um wirkungsorientierte Strukturen aufzubauen.
- Transparenz ≠ Wirkung: ESG-Berichte sind nur dann sinnvoll, wenn sie echte Veränderungen auslösen – nicht nur Häkchen auf Checklisten.
- KMU können (und sollten) mitziehen: Auch kleinere Unternehmen profitieren von ESG – z. B. durch den VSME-Standard oder strategische Eigeninitiativen.
- Zukunft braucht kulturellen Wandel: Nachhaltigkeit muss in Strategie, Führung und tägliche Praxis eingebettet werden – nicht nur ins Nachhaltigkeitskapitel.
- Nutzen Sie strukturierte Tools wie den EarthValuator: Damit ESG-Maßnahmen nicht beliebig, sondern wirksam und strategisch eingebettet sind.
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