Interview mit Dr. Hannah Keding
Regulatorische Rahmenbedingungen im Stuttgart Climate Tech Hub
Mit dem Stuttgart Climate Tech Hub (S-CTH) entsteht am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart ein modulares Forschungs- und Entwicklungstestfeld für Technologien, die Energieverbrauch und Emissionen im Gebäudebestand senken. Kern des Vorhabens ist die Transformation des Fraunhofer-Campus-Parkhauses zu einer modularen Multi-Projekt-Plattform (Reallabor und Innovationszone) mit Laboren, Demonstratoren, Pilotanlagen und anwendungsnahen Showcases. Lösungen können dort unter realen Betriebsbedingungen entwickelt, integriert und erprobt werden – von der Datenerfassung über die Betriebsoptimierung bis zur baulichen und technischen Umsetzung. Im Kurzinterview erzählt Dr. Hannah Keding von ihrer Arbeit und dem Bericht »Regulatorische Rahmenbedingungen im Stuttgart Climate Tech Hub: Interviewbasierte Analyse erster Hemmnisse, Klärungsbedarfe und Lösungsansätze«.
Welche Rolle hat das Fraunhofer IRB im Stuttgart Climate Tech Hub?
Das Fraunhofer IRB ist im Stuttgart Climate Tech Hub (S-CTH) vor allem dort eingebunden, wo es um Transfer, Einordnung und die Frage geht, wie klimarelevante Innovationen tatsächlich in die Anwendung kommen können. Der S-CTH ist ja nicht nur ein technisches Testfeld, sondern auch ein Ort, der sehr unterschiedliche Perspektiven vereinen soll: Forschung, Unternehmen, Verwaltung, Politik und später auch weitere Anwenderinnen und Anwender.
Mein eigener Schwerpunkt liegt in der wissenschaftlichen Begleitforschung, in Skalierung, Normung und Transfer. Im Arbeitspaket zu regulatorischen Rahmenbedingungen schauen wir uns an, welche Regeln, Verfahren, Zuständigkeiten und Nachweisanforderungen bei der Umsetzung der Module relevant werden. Dabei geht es nicht darum, einzelne Rechtsfragen abschließend zu bewerten. Wichtiger ist zunächst, aus den Erfahrungen der Module heraus sichtbar zu machen, wo Unsicherheiten, Reibungsverluste oder Verzögerungen entstehen können – und was Politik, Verwaltung und Projektpartner daraus lernen können.
Was genau versteht man unter »regulatorischen Hemmnissen« im Kontext des S-CTH, und warum lohnt sich ein genauer Blick darauf?
Unter regulatorischen Hemmnissen verstehen wir im S-CTH nicht nur einzelne Gesetze oder Vorschriften. Häufig liegen die Schwierigkeiten eher im Zusammenspiel verschiedener Ebenen: Genehmigungsprozesse, Zuständigkeiten, Standards, Dokumentationspflichten, Förderlogiken oder auch unterschiedliche Auslegungen in der Praxis. Ein sehr konkretes Beispiel dafür ist das Campus Biotech Lab: Dort stellt sich unter anderem die Frage, ab wann ein Demonstrator, der sehr kleine Mengen Biogas erzeugt, noch relativ niedrigschwellig betrieben werden kann – und ab wann zusätzliche Genehmigungen, Sicherheitsanforderungen oder Nachweise notwendig werden. Solche Fragen sind für die technische Entwicklung unmittelbar relevant, weil sie beeinflussen, welche Lösung im Projekt überhaupt praktikabel ist.
Der genaue Blick darauf lohnt sich, weil solche Fragen oft erst relativ spät im Innovationsprozess sichtbar werden. Am Anfang steht meist die technische Machbarkeit im Vordergrund. Wenn es dann aber um konkrete Umsetzung, Genehmigung, Betrieb oder Skalierung geht, können regulatorische und administrative Fragen sehr schnell entscheidend werden. Für mich ist Regulatorik deshalb ein wichtiger Teil der Frage, wie Klima-Innovationen schneller und verlässlicher angewandt werden können.
Gibt es übergreifende Muster, die sich über die einzelnen Module hinweg zeigen, obwohl die Themen so unterschiedlich sind?
Ja, obwohl die Module inhaltlich sehr unterschiedlich sind, zeigen sich einige wiederkehrende Muster. Besonders auffällig ist, dass viele Fragen an Schnittstellen entstehen: zwischen Forschung und Regelbetrieb, zwischen Demonstration und späterer Nutzung oder zwischen technischer Entwicklung und bestehenden Genehmigungs- und Nachweissystemen. Beim Hydrogen Lab geht es zum Beispiel nicht nur um die Technik einer kleinen Wasserstoffanlage. Entscheidend ist auch, wie sicherheits- und genehmigungsbezogene Anforderungen ausgelegt werden und ob bei Behörden, Netzbetreibern oder weiteren Beteiligten bereits Routinen im Umgang mit solchen Systemen bestehen. Fehlen solche Erfahrungswerte, kann auch ein technisch überschaubares Vorhaben in der Umsetzung aufwendig werden.
Ein zweites Muster ist, dass Zuständigkeiten und Verfahren für innovative Anwendungen oft nicht sofort eindeutig sind. Die Module arbeiten mit neuen Kombinationen von Technologien, Nutzungen und Infrastrukturen. Dadurch entstehen Fragen, die in klassischen Kategorien nur begrenzt abgebildet sind. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, regulatorische Hemmnisse nicht abstrakt zu diskutieren, sondern immer an konkreten Anwendungsfällen: Was soll erprobt werden? Wer muss eingebunden werden? Welche Nachweise sind wirklich erforderlich? Und wo braucht es frühzeitig Abstimmung?
Was können Politik und Verwaltung schon jetzt aus den ersten Ergebnissen mitnehmen?
Aus den ersten Ergebnissen lässt sich vor allem mitnehmen, dass regulatorische Fragen frühzeitig mitgedacht werden sollten. Wenn sie erst am Ende eines Projekts auftauchen, können sie die Umsetzung und Skalierung erheblich verzögern. Hilfreich wären aus meiner Sicht deshalb klare Ansprechstrukturen, transparente Verfahren und ein früher Austausch zwischen Projektakteuren, Verwaltung und weiteren zuständigen Stellen.
Gleichzeitig zeigen die bisherigen Gespräche, dass es nicht einfach um »weniger Regulierung« geht. Viele Anforderungen haben gute Gründe, etwa mit Blick auf Sicherheit, Gesundheit oder Umwelt. Die Frage ist eher, wie Verfahren so gestaltet werden können, dass sie Innovation ermöglichen, ohne Schutzstandards abzusenken. Ein Beispiel ist Forschung im Bestand: Wenn bestehende Gebäude oder Flächen für neue Forschungsnutzungen eingesetzt werden, passen diese Nutzungen nicht immer sauber in bestehende Kategorien, die eben kaum für Forschungsnutzungen geschaffen wurden. Hier könnten frühere Abstimmungen, klarere Unterlagenanforderungen oder befristete Erprobungsphasen helfen, ohne Sicherheit und Verantwortung auszublenden.
Wie geht es mit dem Thema Regulatorik im Projekt weiter? Was ist für die kommenden Leitfäden geplant?
Die erste Analyse ist für uns vor allem ein Ausgangspunkt. Sie zeigt, welche regulatorischen Fragen in der frühen Projektphase bereits sichtbar werden. In den nächsten Schritten wollen wir diese Punkte weiter sortieren, priorisieren und stärker mit der Entwicklung der Module verzahnen. Dabei interessiert uns besonders, welche Themen für die praktische Umsetzung und spätere Übertragbarkeit wirklich entscheidend sind.
Geplant sind zwei Leitfäden, die den Projektfortschritt aufnehmen und einzelne Fragestellungen gezielt vertiefen und dort im Sinne von »Tiefenbohrungen« nach Lösungsansätzen suchen. Sie sollen keine Rechtsberatung ersetzen, sondern Orientierung geben: Welche wesentlichen regulatorischen Fragen sollte man frühzeitig prüfen? Welche Akteure müssen möglicherweise eingebunden werden? Wo gibt es typische Unsicherheiten? Und welche Lösungsansätze zeichnen sich aus Projektsicht ab? Gleichzeitig können die Leitfäden Impulse für Politik und Verwaltung geben, weil sie aus konkreten Anwendungserfahrungen heraus sichtbar machen, wo Verfahren, Zuständigkeiten oder Nachweisanforderungen innovationsfreundlicher und zugleich rechtssicher gestaltet werden könnten. Damit sollen sie helfen, regulatorische Aspekte nicht erst als Hürde am Ende wahrzunehmen, sondern als Teil eines vorausschauenden Innovations- und Transferprozesses.
Für wen ist der Bericht besonders relevant, und wie kann er in der Praxis genutzt werden?
Der Bericht ist vor allem für Akteure relevant, die klimarelevante Technologien nicht nur entwickeln, sondern tatsächlich erproben, betreiben oder übertragen möchten. Dazu gehören Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Kommunen, Verwaltung und intermediäre Organisationen. Für diese Gruppen kann der Bericht eine erste Orientierung bieten, welche regulatorischen Fragen im jeweiligen Kontext überhaupt relevant werden könnten. Für Politik und Verwaltung kann er darüber hinaus Hinweise liefern, an welchen Stellen bestehende Verfahren aus Sicht konkreter Innovationsprojekte besonders erklärungs-, abstimmungs- oder weiterentwicklungsbedürftig sind.
In der Praxis sehe ich den Bericht als Strukturierungshilfe. Er kann dabei unterstützen, frühzeitig die richtigen Fragen zu stellen: Wo könnten Genehmigungen oder Abstimmungen notwendig werden? Welche Nachweise sind mitzudenken? Welche Stellen sollten früh einbezogen werden? Beim Urban Farming wird das zum Beispiel sehr anschaulich: Solange ein Container vor allem als Demonstrator dient, stellen sich andere Fragen als bei einer späteren Nutzung der erzeugten Lebensmittel, etwa in einer Kantine. Genau solche Übergänge zwischen Erprobung und Anwendung sollte man frühzeitig erkennen.
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